Im Jahre 1955 reiste ich mit meinem Mann, Harry Mathews, nach Barcelona. Als ich dort den herrlichen Parc Güell von Gaudí besuchte, begegnete ich meinem Lehrmeister und zugleich meinem Schicksal. Ich erbebte.
Ich wusste, dass auch ich eines Tages einen Vergnügungspark bauen würde. Eine kleine Paradiesecke. Eine Begegnung zwischen Mensch und Natur. 24 Jahre später begann das grösste Abenteuer meines Lebens: der Tarot-Garten. Er entstand in der Toscana auf einem Grundstück meiner Freunde Marella Agnelli und Carlo und Nicola Caracciolo.
Sie gaben ihr Einverständnis zum ursprüng-lichen Modell, das sich jedoch in der Folge ständig
verändern sollte. Der Garten wurde viel grösser als ich anfangs vorhatte.
Es gab keinen Zeitzwang, und ich arbeitete in völliger Freiheit. Um den Garten zu finanzieren, kreierte ich ein Parfüm und schuf Multiples.
Gleich nach dem Beginn der Arbeit wurde mir klar, dass das Unternehmen ein gefähr-liches Abenteuer werden würde, und dass ich auf meinem Weg eine Menge Prüfungen zu bestehen hätte.
Ganz zu Beginn der Arbeit litt ich an rheumatischer Arthritis. Ich konnte kaum laufen oder meine Hände bewegen, doch ich arbeitete unter Schmerzen weiter.
Nichts konnte mich aufhalten. Ich war wie besessen. Ich fühlte, dass der Bau dieses Gartens mein Schicksal sein würde, wie gross auch die Schwierigkeiten wären.
In der Spielkarte der Kaiserin richtete ich meine Wohnung ein. Ich lebte und schlief im Inneren der Mutter. Die Kaiserin wurde zum Zentrum des Gartens. Sie war der Ort, wo ich mit der Arbeitsequipe zusammentraf, wo wir gemeinsam Kaffee tranken, wo ich ass und die Modelle für die anderen Karten schuf.
Ich lebte allein in der Sphinx; das ist der Übername, den wir der Kaiserin gaben.
Die völlige Hingabe an die Arbeit war die einzig mögliche Weise, den Garten zu bauen. Der Tarot-Garten ist nicht nur mein Werk, sondern auch der Garten all jener, die mir bei seinem Bau behilflich waren.
Als Architektin des Gartens habe ich meine Vision durchgesetzt, ich konnte nicht anders.
Der Bau war mit grossen Schwierigkeiten verbunden; es brauchte viel Liebe, wilde Begeisterung, Besessenheit und vor allem Glauben. Nichts hätte mich aufhalten können. Es war wie im Zaubermärchen: Bevor der Schatz gefunden wird, begegnet man Drachen, Hexern, Magiern und dem Engel der Mässigkeit.
– Niki de Saint Phalle, auszug aus Der Tarot-Garten, Benteli Verlag, 2000 © Niki de Saint Phalle und Giulio Pietromarchi